Home / Forum / Psychologie & Persönlichkeit / Umgang mit Schwester

Umgang mit Schwester

10. Januar 2019 um 19:12

Hallo liebe Community,

mein Problem passt grundsätzlich zwar in viele Forenabschnitte, aber da meine größte Sorge diesbezüglich der Sex bzw. die Verhütung ist, habe ich mich für diesen Abschnit entschieden. Ich hoffe das ist in Ordnung.

Ich starte diese Disskusion, weil ich um Hilfe/Rat im Bezug auf den Umgang mit meiner Schwester und ihrem selbstdestruktiven Verhalten fragen möchte.

Ich bin 25 Jahre alt und habe eine kleine Schwester, die aktuell 17 ist. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zueinander und da meine Eltern sehr fordernd und erfolgsorientiert sind, habe ich immer versucht als Kompensator für meine Schwester zu dienen, damit sie diese Belastung nicht so ungefiltert abkriegt wie ich früher. Denn auch wenn es natürlich schön ist wenn man Eltern hat, die das beste für einen wollen und einen finanziell mit allem unterstützen, um das "Potential des Kindes" nicht zu verschwenden, werden einem automatisch auch eine unrealistische Existenzangst und ein immenser Erwartungsdruck eingeimpft. Vor 5 Jahren musste ich jedenfalls zwangsläufig aufgrund meines beginnenden Studiums ausziehen. Schon damals war sie sehr Abhängig von Bestätigung und Aufmerksamkeit (was mich nicht wunderte, da ihr durch ihre erfolgsorientierte Erziehung jeder kleine Fehler schon als "niemand wird mich mehr lieben"-groß erschien). Doch ab diesem Zeitpunkt gerieten ihre Handlungen und Gefühle völlig aus dem Ruder. 

In den letzten Jahren suchte sie sich einen Freund nach dem anderen. Da ich nicht mehr zuhause wohnte und das Studium mich tatsächlich stärker in Anspruch nahm als ich erwartet hatte, bekam ich vieles auch erst dann mit, wenn es zu spät war. So wurden z.B. Telefonate geführt in denen sie mir weinend erzählte, dass an dem Tag eine Beziehung zu Ende gegangen sei und sie sich wertlos fühle. Das sie so dumm sei, weil sie mir nicht vorher davon erzählt habe, da ich ihr sicher davon abgeraten hätte. Telefonate in denen sie mir erzählte sie habe sich überreden lassen Alkohol zu trinken und nun ginge es ihr schrecklich, wobei sie sich nicht traue so nachhause zu gehen. Nachtausgänge mit mehreren Jungs aus der Schule, weshalb sie später wieder weinend erzählte sie würde als Schlampe beschimpft werden und wieso sie das überhaupt getan habe, wo sie die Jungs nicht mal mochte. Das sie vielleicht ja wirklich eine Schlampe sei. Das ganze Selbstzweifel-Programm immer wieder. Ich muss zugeben, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben pure Überforderung gespürt habe. Ich wusste einfach nicht wie ich mit den Situationen umgehen sollte, weil ich mir mit der richtigen herangehensweise als großer Bruder unsicher war. Wo war die Grenze wo es einem jungen Mädchen unangenehm war mit ihrem großen Bruder darüber zu reden? Wie sehr sollte man ein solches Mädchen ausfragen, weil man sie vor Fehlern bewahren wollte?Wieviel Freiheit sollte man ihr selbst lassen und es bei einem "Egal was ist, wenn du mich brauchst sag bitte Bescheid" belassen?

Vor 3 Jahren stellte sich dann eine kurze Phase der Ruhe ein, da meine damalige Freundin sie einfach als eine Art "ältere Schwester" unterstützen konnte. Sie redeten sehr viel und hatten "Geheimnisse", sie bereitete Mädelsabende für sie vor und all das was eine 14 jährige wie sie wohl einfach braucht. Zwar war sie immer noch ein wenig instabil und machte wirklich Dummheiten, die sie dann auch bereute. Weinen tat sie auch immer wieder. Aber meine Freundin sagte damals noch, dass sich das mit der Zeit bei einem Mädchen legt, da das einfach mit der Pubertät zu tun hat. Doch vor sechs Monaten haben wir uns getrennt und auch wenn es keine Streittrennug o.ä war haben wir zu unserer beider Wohle keinen Kontakt mehr miteinander und meine Schwester wollte das auch nicht mehr. 

Und nun erlebe ich das gleiche wie damals nur in noch schlimmer, da sie jetzt 17 ist und ihre Instabilität sich wieder radikal äußert. Um einpaar Beispiele zu nennen:
Ohne das jemand was davon wusste fuhr sie mit älteren "Freundinnen" über die Staatsgrenze nach Holland und blieb dort übers Wochenende. Ich erfuhr davon erst als meine Eltern mich anriefen und mich fragten, ob sie bei mir sei. Letztlich endete es damit, dass ich sie tatsächlich aus Holland abgeholt habe, da ihre Freundinnen sich bekifft hätten und sie das sehr schlecht vertragen habe. Die Selbstzweifel kamen wieder, wie dumm sie sei es probiert zu haben. Und bei mir kam wieder diese unerträgliche Unsicherheit, ob es z.B. nun lehrhafter gewesen wäre, wenn ich als "großer Bruder" sie nicht abgeholt hätte. Denn 2 Wochen später war sie wieder in Holland. Diesmal aber mit einer gemischten Gruppe. Selbstverständlich hat sie dort dann auch wieder Dinge getan, um Aufmerksamkeit zu kriegen/ermeintliche Bewunderung zu erhalten/gemocht zu werden usw.
Am Ende musste ich ihr dann wieder erklären, wo sie Grenzen ziehen sollte, weil es eben gefährlich ist (z.B. nicht bei Mutproben mitzumachen, wie mit verbundenen Augen auf den Gleisen zu laufen, um den Jubel von anderen zu erhalten) und woran sie nächstes Mal sehen kann, was für Vollidioten ihre Begleiter sind, bevor sie sich entschließt mit diesen wegzufahren usw.
Denn sie bereute es ja jedes Mal im Nachhinein, weil eben ein Video gemacht wurde oder sie sich blamiert hatte oder beleidigt wurde oder das kleine Tattoo das sie sich vor 3 Wochen hat machen lassen, weil ihr damalige Freund sie dazu gedrängt habe, aber dann habe sie ihn betrogen und...großer Gott also so langsam spüre ich halt auch wieder wie die Wut in mir hochkocht die ich jedes Mal auf's neue verspüre, wenn sie mir von diesen Menschen erzählt, weswegen sie so viele Qualen erleidet. Auch wenn es natürlich vorrangig ihre eigene Schuld ist.
Obwohl ich mir selbst die meiste Schuld daran gebe. Ich weiß, dass ich sie damals mit 12 - ausgerechnet zu Beginn der Pubertät - nicht hätte alleine zuhause lassen sollen. Aber ich hatte angenommen, dass ich trotz des Studiums genug freie Zeit haben würde und ihr genug Unterstützung geben könnte, damit sie psychisch nicht zusammenbricht. Doch offenbar reicht es nicht bzw. kann ich es nicht und ich hasse es. Ich hasse dieses Gefühl der Hilflosigkeit und der Überforderung. Das habe ich sonst noch nie empfunden. Nur bei dem Umgang mit ihr bin ich völlig unsicher. Zwar kann ich sie bei den Telefonaten oder wenn ich mal in den Ferien zuhause bin immer wieder neu aufbauen, ihr selbstbewusstsein stärken, ihr erzählen, dass es alles nicht so schlimm ist, dass sie ein wunderbares Mädchen ist usw.
Doch sobald ich weg bin oder wir eben auflegen, habe ich bereits die Sorge, dass es am nächsten Tag mit dem Einbruch des Alltags wieder aus dem Ruder laufen wird. Das einzige was noch gut ist sind ihre Noten, doch auch da bahnt sich langsam der Abstieg an. 

Natürlich habe ich auch schon mit meinen Eltern gesprochen. Ich war sowohl freundlich als auch kritiserend. Doch ich fürchte sie können es einfach nicht verstehen bzw. suchen die Schuld bei meiner Schwester.
Da ich Medizin studiere habe ich auch schon versucht typische Psychiatrische Abläufe mit meiner Schwester durchzugehen und so einigermaßen kann sie einige Säulen auch anwenden, um sich wenigstens soweit zu bringen mir Bescheid zu sagen bevor sie so etwas macht wie sich piercen zu lassen, weil sie auf die grandiose Idee kam so wie ihre beste Freundin auszusehen, um zu schauen, ob dessen Freund dann auch Interesse an ihr haben würde. Nach dem folgenden Gespräch weinte sie dann wieder und konnte sich garnicht erklären wie sie vor dem Gespräch ernsthaft vor hatte sowas schreckliches zu tun.

Ich habe auch schon versucht ihr einen Psychiater Nahe zu bringen, doch das wehren nicht nur meine Eltern vehement ab sondern auch sie selbst. Sie würde weglaufen und ihr Handy wegschmeißen, wenn ich sie zu sowas zwingen würde. Ich habe das Gefühl, dass das was ich brauche einfach wieder jemand ist wie meine Freundin damals, die sich in den Kopf eines jungen Mädchens versetzen kann. Damals sagte sie mir z.B. Dinge wie, dass ich versuchen solle an ihrem Geburtstag zuhause zu sein, obwohl wir diesen erst 10 Tage später feiern werden, da sie trotzdem an ihrem Geburtstag anfällig sein könnte Dummheiten zu machen. Und so war es an ihrem letzten Geburtstag z.B. auch, denn sie hatte sich mit einem fremden Typen verabredet, der mit ihr in einem Hotel "feiern" wollte und hat es dann natürlich abgesagt, nach dem sie wusste, das ich kommen werde. Im Nachhinein reflektierte ich natürlich auch, dass das völlig Sinn macht und wieso ich selbst geglaubt hatte, dass nach dem :"Klar, dann sehen wir uns 10 Tage später. Ich freue mich so sehr wenn du wieder hier bist um mein Geburtstag zu feiern!" alles gut sei. Aber in den Momenten denke ich einfach anders, weil ich vielleicht selbst auch ganz anders bin. Es fällt mir extrem schwer mich in sie hinein zu versetzen.

Und das zeigte sich auch gestern wieder, denn sie erzählte mir gestern Mittag, dass sie am Abend zu einer Feier geht. Sie fragte mich nebenbei ob man wenn man "aus Versehen" schwanger werden sollte mit der Pille im nachhinein eigentlich auch eine Schwangerschaft abbrechen könne. Daraufhin führten wir ein Gespräch in dem ich dachte, dass es darum ging, dass sie in Erwägung zog an dem Abend ungeschützten Sex zu haben. Im besten Falle mit jemandem dem sie vertrauen konnte. Doch schnell waren wieder die Grenzen erreicht an denen ich unsicher war wieviel eine kleine Schwester nun von ihrem großen Bruder hören wollte bzw. sollte. Und was so ein 17 jähriges Mädchen sich bei so einer Feier wohl sex-technisch vorstellt. 

So...und heute fand ich heraus, dass es absolut nicht darum gegangen war, denn sie war auf garkeiner Feier, sondern bei ihrem "Freund" der kein Kondom dabei hatte. Sie waren kurz vor dem Sex gewesen und sie habe sich nochmal ins Badezimmer eingeschlossen um mich eben zu fragen. Jetzt im Nachhinein kommen mir natürlich wieder die logischsten Gedanken. Wieso ich ihr nicht einfach prophylaktisch gesagt habe, dass sie selbst immer Kondome dabei haben soll. Das sie niemals den Worten eines geilen Teenagers bei sowas glauben soll. Oder eigentlich noch besser: Das ich hätte fragen müssen, ob sie wirklich zu einer Feier geht.
Mir selbst hat sich das nicht erschlossen. Rein rational habe ich absolut keinen Grund gesehen, wieso sie mich anlügen sollte. Offenbar störte es sie nicht mit mir über Sex zu reden. Wieso sollte sie mich dann belügen? Deshalb hatte ich diese Möglichkeit auch garnicht in Betracht gezogen. Offenbar war es ihr aber extrem peinlich gewesen mir die Wahrheit zu sagen, weil ich dann nach der Antwort genau gewusst hätte, dass sie jetzt gerade Sex hat. Für mich selbst sowohl im nachhinein aber vor allem zu dem Zeitpunkt völlig unsinnig. Wenn es mich nicht stört jemandem zu sagen, dass ich heute Abend Sex haben könnte, würde es mich auch nicht stören demjenigen zu sagen, dass ich es gleich haben werde. Aber offenbar dachte sie da ganz anders. 
Naja...
Glücklicherweise war der Typ wohl betrunken gewesen und habe sich dort auch übergeben. Entsprechend kam es dann auch zu keinem Akt sodass das ganze ein harmloses Ende fand. Ich habe sie heute sogar gefragt wann ihre letzte Periode eingesetzt hatte und sie sagte Ende des Jahres. Das heißt rein theoretisch könnte sie sogar in ihren fruchtbaren Tagen sein.....

Oh man, jetzt habe ich hier echt ein Roman geschrieben, obwohl ich eigentlich so einiges ausgelassen hatte, um es kurz zu halten. Aber als ich heute ernsthaft mit dem ehrlich gesagt schrecklichen Gedanken gespielt habe meiner Ex zu schreiben und einfach alles so hinzukriegen, dass ich wieder ihren Rat für meine Schwester habe, entschloss ich mich es stattdessen mal hier zu versuchen. Ich weiß z.B. auch nicht genau wie ich jetzt mit der letzten Aktion umgehen soll. Sie hat mich bisher noch nie belogen zumindest nie so direkt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich nicht Öl ins Feuer gieße, wenn ich ihr sage, dass ich sehr enttäuscht von ihr bin. Andererseits kann ich es auch schlecht ignorieren, da ich sichr bin, dass sie mich bei nächster Gelegenheit dann wieder belügt.

Danke an alle die bis hierher durchgehalten haben. Ich glaube es tut alleine schon gut zu wissen, dass vielleicht in diesem Moment irgendeine Frau vor dem PC sitzt und vieles besser nachvollziehen kann als ich.

Mehr lesen